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Vorträge | Seminare

Das IPPK veranstaltet regelmäßig Vorträge und Seminare, welche allen Interessierten offenstehen. In diesen kürzeren Veranstaltungsformen sollen Philosophie, Psychoanalyse, Kunst und Kulturwissenschaften miteinander in Austausch geraten, um neue Perspektiven zu erschließen.

Folgend finden Sie Hinweise zu den kommenden Seminar- und Vortragsveranstaltungen, je bestehend aus Vortrag und Diskussion. Die Vorträge erfolgen, soweit nicht anders vermerkt, online.

Anmeldungshinweise

Bitte melden Sie sich für einen Vortrag über den Zoom-Anmeldelink des betreffenden Vortrags an. Sie erhalten dann automatisch eine Bestätigungsmail mit einem Zugangslink für die Veranstaltung.

Kostenbeitrag Nichtmitglieder:  5,- EUR bzw. 0,- EUR für Studierende und prekär Beschäftigte.
Kostenbeitrag Mitglieder:  4,50 EUR für IPPK-Mitglieder (mit Grundbeitrag) bzw. 0,- EUR für IPPK-Mitglieder (mit Förderbeitrag oder Sozialbeitrag).

Den Kostenbeitrag überweisen Sie bitte auf das IPPK-Konto (IBAN: DE07 1005 0000 0191 0512 25).

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte der Anmeldebestätigungsmail.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Aktuelle Vorträge | Seminare

Hier finden Sie Informationen zu anstehenden Vorträgen und Seminaren:

 

20. 6. 2022

19:30 – 21:00, online

Ole Kliemann, Kiel

Narzissmus, Zoom und Intersubjektivität

Anmeldelink

Den meisten ist die Erschöpfung vertraut: Nach einem langen Tag voller Online-Sitzungen verwandeln wir uns in "Zoombies". Aber weshalb ist die Kommunikation via Zoom anstrengender als das Gespräch von Angesicht zu Angesicht? 

Dieser Vortrag möchte die These aufstellen, dass die permanente Konfrontation mit unserem eigenen Bild der Kern des Problems ist. Dabei soll zunächst mit Lacan untersucht werden, welche Verführung von unserem Bild ausgeht und weshalb es uns so schwerfällt, es einfach abzuschalten. In einem zweiten Schritt wird dann mit Bion argumentiert, dass der dauerhafte Anblick des eigenen Bildes die Arbeit der Alpha-Funktion erschwert und so zu einer größeren Erschöpfung beiträgt. Abschließend wird dies in einen größeren philosophischen Kontext eingeordnet: Die Konstitution von Wissen und -- existenzphilosophisch gesprochen -- die Assimilation des Geschehens sind Funktionen der Intersubjektivität. Daher ist die Leistung dieser Funktionen abhängig von dem Medium, in dem sich die Intersubjektivität verwirklicht.

Borck sepia cutOle Kliemann, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Nach einem Studium der Philosophie, Mathematik und Informatik wurde er dort promoviert mit einer Arbeit über Nietzsche und Merleau-Ponty. Heute forscht er zu Digitalisierung und Psychoanalyse.

(Foto: Privatbesitz)

 

4. 7. 2022

19:30 – 21:00, online

Ute Hensel, Hamburg

Der Kleinianische Kosmos – Abbild innerer Welten oder Projektion?

Anmeldelink

Die Ideen Melanie Kleins zählen zu den wichtigsten, wohl aber auch umstrittensten in der psychoanalytischen Theoriebildung. Schon zu ihrer Zeit sind die Kontroversen darum ähnlich heftig ausgetragen worden, wie es in den von ihr vermuteten kindlichen Phantasien zugeht. Die Britische Psychoanalytische Gesellschaft, der sie seit 1929 angehörte, wäre daran beinahe zerbrochen. Aber selbst schärfste Kritiker der Kleinianischen Perspektive räumen ein, dass es Patienten gibt, bei denen sich die verstörende Sichtweise der inneren kindlichen Phantasiewelt und die in Kleins Lesart daraus resultierenden Entwicklungshemmnisse und Schwierigkeiten im Erwachsenenleben geradezu aufdrängen.

Was aber, wenn es sich bei den bisweilen recht drastisch-plastisch anmutenden Schilderungen kindlicher Phantasien (auch) um Projektionen aus der emotionalen Welt der Erwachsenen dreht? Was, wenn Abwehrprozesse der Spaltung und projektiven Identifizierung gegenüber den Kindern zum Tragen kommen? Verschiedene Anzeichen im Umgang mit Kindern und in der Sichtweise von Kindheit lassen Vermutungen in diese Richtung zu. Da ist mal von unschuldigen Kindern die Rede, mal wird ihnen absichtsvolles Tyrannentum zugeschrieben. Und viele Gründungsmythen kennen das Kindsopfer in verschiedensten Varianten. Wir müssten uns wohl angesichts dieser kulturellen Gegebenheiten, aber auch immer wieder festzustellenden Grausamkeiten, die an Kindern begangen werden, mit unerhörten, bedrohlichen Fragen beschäftigen, etwa der nach keinesfalls unhinterfragbarer Mutter- und Vaterliebe.

Und schließlich kommt vielleicht auch zum Tragen, dass auch Melanie Kleins Biografie recht schwierig verlief. Als viertes Kind von ihrer Mutter wahrscheinlich nicht mehr wirklich erwünscht, wurde sie offenbar nach dem Tod der 4 Jahre älteren Schwester zu deren Platzhalterin. Auch als Erwachsene scheint sich die Mutter ihrer bemächtigt zu haben. Melanie Klein litt unter jahrelangen Depressionen und konnte sich im Grunde erst nach dem Tod der Mutter freier entfalten. Verweist also die Theorie Melanie Kleins letztlich auch auf sie selbst bzw. ihr eigenes Ausgeliefert-sein und damit empfundene heftige Affekte?

Ute Hensel sepiaUte Hensel, Psychotherapeutin. Diplom der Psychologie: Universität Hamburg (Deutschland). Ausbildung Tiefenpsychologisch fundierte und Analytische Psychotherapie und Approbation als psychologische Psychotherapeutin. Eintragung im Facharztregister: Fachkunde für Tiefenpsychologisch fundierte und Analytische Psychotherapie. Lehrtherapeutin und Supervisorin für Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) und Analytische Psychotherapie (AP), anerkannt von der Ärztekammer Hamburg. Lehranalytikerin nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. Weiterbildung Gruppenleitung und Gruppenanalyse sowie Supervision und Teamentwicklung.

(Foto: Privatbesitz)

 

22. 8. 2022

19:30 – 21:00, online

Robert König, Wien

Eine Phänomenologie der Namen - Über die philosophische 
Etymologie

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Seit Platon, der den Eintritt in die Philosophie nicht zuletzt mit der erstaunten Frage nach der "Richtigkeit der Namen" benennt, steht die sog. Etymologie immer wieder in der Debatte. Etymologie als die Lehre von der Herkunft und Richtigkeit der Namen wurde dabei geistesgeschichtlich sowohl auf den Extrempol einer Scheinwissenschaft und eines bloß relativistischen Wortgeplänkels als auch auf den Pol einer sprachlichen Fundamentalbegegnung der Erfahrungswelt verlegt. Gleich, welche Position man auch beziehen mag, die Rolle des Benennungsaktes und des Namengebens scheint jedenfalls immerzu auch im Verhältnis zur Erfahrungsrealität des Menschen zu stehen. Das Namengeben spielt jedenfalls anhaltend etwa in diversen Therapiesettings, in politischen Zusammenhängen oder in religiösen Dimensionen eine zentrale Rolle im Widerspiel mit der Erlebniswirklichkeit von Menschen. Stets soll zumindest versucht werden, zu benennen, was eigentlich geschieht und vielleicht noch keinen Namen hat. Der Vortrag erkundet direkt an einzelnen Phänomenen die vielfältigen Dimensionen der Namen, hebt die innige Beziehung von 
Sprache, Erfahrung, Raumzeit und Körper sowie deren Therapiepotenzial hervor. Er warnt dabei zugleich vor den Konsequenzen einer abstrakten Abtrennung des Sprechens von dieser Innigkeit zu einem bloß instrumental verstandenen "Sprechen-über".

Robert König sepiaRobert König ist Philosoph und lehrt und forscht an der Universität Wien an den Fakultäten für Philosophie und für Theologie. Er hat Philosophie, Theologie, Geschichte und klassische Philologie an der Universität Wien studiert und hält ein Doktorat der Philosophie. Außerdem betreibt er mehrere außeruniversitäre Bildungskreise, ist vielfältig als Vortragender tätig und lehrt an mehreren Schulen, Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Zu seinen Publikationen zählen: Interimsliebe. Die Einheit von Syllogistik, Dialektik und Mystik, 2021; Schlusslogische Letztbegründung, Hrsg. gemeinsam mit Lois Marie Rendl, 2020; Logik + Mystik, 2 Bände, 2019; Die Wissenschaft der Idee. Platons Grundlegung der Philosophie im Dialog Parmenides, 2016; Religion und Kapitalismus, Hrsg. 2014. www.robert-koenig.net und www.youtube.com/robertkng

(Foto: Privatbesitz)

  


Vergangene Vorträge | Seminare

 

2. 5. 2022

19:30 – 21:00, online

Cornelius Borck, Lübeck

Das Zeiterleben als Schlüssel der Psychopathologie – oder selbst ein Zeitphänomen?

Zur Karriere von Viktor Emil von Gebsattel als Deuter des Zeiterlebens 

Bei psychischen Störungen wie Neurasthenie oder Burnout drängt sich der Eindruck auf, dass sie das Kehrbild überzogener gesellschaftlicher Anforderungen sind. Die Psychopathologie der Zeit ging noch einen Schritt weiter und formulierte die These, dass die Erfahrung von Zeit so aus den Fugen geraten könne, dass sich von dort her psychiatrische Krankheitsbilder erschließen ließen. Ihre Blütezeit erlebte diese psychiatrisch-philosophische Psychopathologie in der Zwischenkriegszeit. Prominente Vertreter lebten (wie Ludwig Binswanger) von vornherein im Ausland oder wurden in die Emigration getrieben (wie Erwin Straus und Eugène Minkowski), Viktor Emil von Gebsattel hingegen blieb während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und machte noch in hohem Alter akademische Karriere als erster Professor für Psychotherapie und Medizinische Psychologie. Der Vortrag will seine psychiatrische Theorie nur knapp vorstellen und sich auf die Frage konzentrieren, welche Deutungsangebote Gebsattels philosophische Psychiatrie und Anthropologie bereitstellte.

Borck sepia cutCornelius Borck, Prof. Dr. med., PhD, MA phil, leitet seit 2007 das Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck und er ist Sprecher des Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck (ZKFL). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Humanwissenschaften, die Medizinphilosophie und die Historische Epistemologie der Lebenswissenschaften. Neuere Veröffentlichungen: Hans Blumenberg beobachtet. Wissenschaft, Technik, Philosophie (Freiburg 2013), Das psychiatrische Aufschreibesystem (Hg. zus. mit Armin Schäfer, Paderborn 2015), Brainwaves: A Cultural History of Electroencephalography (London 2018), Wahnsinnsgefüge der urbanen Moderne (Weimar 2018), Medizinphilosophie zur Einführung (2. Aufl. Hamburg 2021).

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14. 3. 2022

19:30 – 21:00, online

Leon S. Brenner, Berlin

Freud’s Three Paradigms of Psychosis

Freud had never provided a fully comprehensive account of psychosis. However, several consistent perspectives of its elaboration can be traced in different papers along the progression of his work. In this talk, Leon Brenner will present three major perspectives through which the psychosis has been elaborated by Freud. The first, presented in his papers “The Neuro-Psychoses of Defense” (1894) and “Further Remarks on the Neurosis-Psychoses of Defense” (1896), describes psychosis as the outcome of the “rejection” of reality. The second, presented in his papers “Psycho-Analytic Notes of an Autobiographical Account of a Case of Paranoia” (1911), “On Narcissism: An Introduction” (1914), and “Repression” (1915), analyzes psychosis in the terms of Freud’s theory of the drive and libido. The third, presented in Freud’s papers “Neurosis and Psychosis” (1924) and “The Loss of Reality in Neurosis and Psychosis” (1924), adapts psychosis to Freud’s second topology.

Dzwiza Ohlsen sepiaDr. Leon S. Brenner is a psychoanalytic theorist and psychological counselor from Berlin. Brenner’s work draws from the Freudian and Lacanian traditions of psychoanalysis, and his interest lies in the understanding of the relationship between culture and psychopathology. His book The Autistic Subject: On the Threshold of Language was published with the Palgrave Lacan Series in 2020. He is a founder of Lacanian Affinities Berlin and Unconscious Berlin and is currently a research fellow at the International Psychoanalytic University Berlin and the Hans Kilian und Lotte Köhler Centrum (KKC).

(Foto: Privatbesitz) 

28. 2. 2022

19:30 – 21:00, online

Erik Norman Dzwiza-Ohlsen, Köln

Verstummter Geist, verstummtes Leben? –

Grundzüge einer phänomenologischen Therapeutik demenzieller Erkrankungen

Demenzielle Erkrankungen stellen eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft dar. Dies gilt nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht: So zeigen demenzielle Erkrankungen die Grenzen der modernen Medizin auf und stellen wesentliche Werte des humanen Selbstverständnisses – wie Autonomie, Würde und Vernunft – massiv in Frage. Der Beitrag legt zunächst dar, dass eine phänomenologische Psychopathologie genau die Dimensionen ausloten kann, die typischerweise den Horizont des dominierenden naturalistischen Forschungsparadigma übersteigen: die ganze Person in ihrer lebensweltlichen Einbettung. Im Anschluss an zentrale Autoren einer derart angewandten Phänomenologie zielt der Vortrag darauf, Prinzipien und Grenzen einer phänomenologischen Therapeutik demenzieller Erkrankungen auszuloten. Dabei streift der Beiträge Schlüsselbegriffe wie Leiblichkeit, Expressivität und Responsivität und wirbt abschließend für einen fach- und berufsgruppenübergreifenden Dialog.

Dzwiza Ohlsen sepiaDr. Erik Norman Dzwiza-Ohlsen studierte Philosophie, Psychologie und Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Titel der Magisterarbeit „Das Selbst in der Fremde – Die Beschreibung der Gnosis bei Hans Jonas und Hans Blumenberg“). Von 2013 bis 2018 promovierte er an der Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg unter der Betreuung von Karl-Heinz Lembeck, Karl Mertens (beide Würzburg) und Ralf Becker (Koblenz-Landau) (Titel der Dissertation: „Die Horizonte der Lebenswelt: Sprachanalytische Untersuchungen zu Husserls ‚Erster Phänomenologie der Lebenswelt‘“). Nach einem Suhrkamp-Stipendium am DLA (Deutsches Literatur Archiv, Marbach) im 2016 für das Forschungsprojekt „Lebenswelt und Okkasionalität bei Blumenberg und Husserl“ ist er seit 2016 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Thiemo Breyer – zunächst am Research Lab der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne und seit 2022 am Husserl-Archiv der Universität zu Köln. Seit 2021 ist er zudem Research Fellow am Center for Subjectivity Research in Kopenhagen und ist Mitgründer des Arbeitskreises „Transdisziplinäre Demenz- und Alternsforschung“ sowie dem internationalen Netzwerk „Phenomenology of Dementia and Aging“. Seine Forschungsschwerpunkte sind Phänomenologie, Psychopathologie und Philosophische Anthropologie. Derzeit arbeitet er an einer „Phänomenologie demenzieller Erkrankungen“. Mehr Infos finden Sie hier: https://artes.phil-fak.uni-koeln.de/postdoc/personen/dr-erik-norman-dzwiza-ohlsen

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14. 2. 2022

19:30 – 21:00, online

Katinka Schweizer, Hamburg

weiblich männlich divers

Warum Geschlecht (sich) so schlecht denken lässt 

Die psychoanalytische Tradition ist reich an Konzepten für ein postmodernes Verständnis von polymorphen Sexualitäten und multiplen Geschlechtsidentitäten. Gleichzeitig tut sie sich mit der Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt schwer. Mutige Patient_innen beklagen das binäre und dichotome Geschlechter-bezogene Denken; häufig dominiert eine konventionelle Blickweise auf mehrdeutige Geschlechter oder Körpererfahrungen die psychoanalytische Praxis. Der Schaden, nicht nur für Angehörige geschlechtlicher Minderheiten, sondern für alle Menschen, ist immens, aber noch nicht ausreichend an-erkannt und benannt. Dem gegenüber stehen die erstaunlichen aktuellen Veränderungen im deutschen Recht, wie die Erweiterung des Personenstandsrechts von 2018 und das Operationsverbot an intergeschlechtlichen Kindern von 2021.

Vor diesem Hintergrund möchte ich mit Ihnen über die Wirkmacht und Hartnäckigkeit des Sexual- und Geschlechtstabus und dessen Folgen für die Fähigkeit zu denken und zu phantasieren nachdenken. Außerdem möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit sich diese rechtlichen Errungenschaften unter Bezugnahme auf Honneth als gesellschaftliche Anerkennungsprozesse lesen lassen, und welche Beiträge die psychoanalytische Aufklärung für ein vertieftes Verständnis geschlechtlicher Vielfalt, nicht nur auf individueller Ebene, leisten kann. Die psychoanalytische Tradition ist reich an Konzepten für ein postmodernes Verständnis von polymorphen Sexualitäten und multiplen Geschlechtsidentitäten – gehen wir auf die Suche!

Schweizer SepiaKatinka Schweizer, Prof. Dr.phil., Dipl.-Psych., MSc (Oxon), Tiefenpsychologin (DGPT), Hochschullehrerin, Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie am Department Psychologie der Medical School Hamburg; Sexualwissenschaftlerin/-therapeutin (DGfS, ESSM), Psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin. Studium der Psychologie und Theologie in Tübingen, Landau, Oxford und Hamburg, Promotion und Habilitation an der Universität Hamburg.

Forschungsprojekte und Veröffentlichungen im Bereich psychosoziale Versorgung bei Intersex / VdG; Vielfalt der Geschlechtsentwicklung, Psycho-Sexualität und Moral. Shimon Peres Preis für das Projekt „InterCare& Awareness“. Letzte Buchpublikation (gemeinsam mit Fabian Vogler): Die Schönheiten des Geschlechts. Intersex im Dialog (Frankfurt/M., 2018).

Erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS), Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Vereins Intersexuelle Menschen e.V. 

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10. 1. 2022

19:30 – 21:00, online

Sonja Witte, Berlin

Ware Bilder – Zum Unheimlichen des Unbewussten in der Kulturindustrie

Mit dem Begriff „Kulturindustrie“ sind in der Kritischen Theorie Adornos verschiedene Überlegungen zu kulturellen Prozessen und Phänomen im Kapitalismus verbunden. Dabei geht es u.a. um die Frage, inwiefern das gesellschaftliche Prinzip der Warenförmigkeit in medialen Techniken und Ästhetiken sowie deren Rezeption wirksam ist. Hieran anknüpfend nimmt der Vortrag insbesondere unbewusste Aspekte der Beziehung zwischen Bildern und Subjekten in den Blick – und zwar ausgehend von Freuds Theorie des Unheimlichen. Entlang von Filmmaterial (u.a. aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“; F 2001, P. Jeunet) wird der Annahme gefolgt, dass das Unheimliche ein Bereich ist, in dem konflikthafte Konstellationen kulturindustrieller Prozesse für Subjekte in Erscheinung treten können. Im Unheimlichen – so lautet die These – kommen poröse Momente kultureller Vergesellschaftungsprozesse zum Vorschein, in denen sich Ambivalenzen von Schrecken und Lust der Warenförmigkeit geltend machen.

Sonja Witte SepiaSonja Witte ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im MA-Studiengang Kulturwissenschaften – Psychoanalyse und Kultur an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin sowie als freiberufliche Referentin und Lehrbeauftragte u.a. an der Universität Bielefeld tätig. Sie promovierte an der Universität Bremen, die Dissertationsschrift „Symptome der Kulturindustrie – Dynamiken des Spiels und des Unheimlichen in Filmtheorien und ästhetischem Material“ ist 2018 im transcript-Verlag erschienen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Psychoanalytischer Subjekt-, Medien- und Kulturtheorie, Kritischer Theorie und Sexualitäts- und Geschlechterforschung.

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13. 12. 2021

19:30 – 21:00, online

Hilmar Schmiedl-Neuburg, Boston/Kiel

Atopik und Nomadisches Denken bei Deleuze

Das Nomadische Denken ist für Gilles Deleuze und Félix Guattari eine Form subversiven Denkens, das in seiner Ortlosigkeit und Ungreifbarkeit Hierarchie, Herrschaft und Homogenität in Denken, Subjektivität und Gesellschaft unterläuft. In diesem Vortrag wird diese Nomadologie Deleuzes in ein Gespräch mit anderen Formen nomadisch-atopischen Denkens gebracht und in ihrer Bedeutung für Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaft beleuchtet.

Hilmar Schmidl NeuburgHilmar Schmiedl-Neuburg ist einer der beiden Direktoren des Instituts für Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften. Er lehrt als Privatdozent am Philosophisches Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und am Department of Philosophy der University of Massachusetts Boston, sowie als Dozent am John-Rittmeister-Institut für Psychoanalyse, Kiel. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Vertretungsprofessuren, Gastdozenturen und Fellowships in Kiel, Hamburg, Wien, Prag und Harvard. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen in der Deutschen und Französischen Theoretischen Philosophie des 19.-20. Jh., der Kulturphilosophie und Existenzphilosophie, der Antiken und der Asiatischen Philosophie, sowie auf dem Verhältnis von Philosophie und Psychoanalyse.

(Foto Privatbesitz)

22. 11. 2021

19:30 – 21:00, online

Lutz Götzmann, Berlin

Das Reale und das Ereignis in der psychoanalytischen Behandlung

Vor dem Hintergrund eines psychoanalytischen Modell des psychischen Seins, das sich an Hegels bzw. Laplanches Anthropologie orientiert und die Lacan’schen Register des Realen, Imaginären und Symbolischen um das vorsprachliche, bilderlose Phänomenale der Gefühle erweitert, wird die Ereignistheorie Alain Badious in das heutige psychoanalytische Denken eingeführt. Hier geht es um die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit einer Übersetzung von „realen Empfindungen“ in die weiteren Register der psychischen Wirklichkeit, die sich an der Ereignisstätte, d.h. am Rand einer Leere, in Gefühlen, Bildern und Worten aktualisiert. Es wird also versucht, den Status des (traumatisch) Undenkbaren, sei es im Körper, in der passage à l’acte oder in der projektiven Identifizierung ebenso wie den Bruch zur Sprache hin in Hinblick auf die psychoanalytische Klinik zu bestimmen. 

Lutz GoetzmannLutz Götzmann, Prof. Dr. med. Psychoanalytiker (SGPsa / IPV), tätig in eigener psychoanalytischer Praxis in Berlin. - Studium der Medizin in Homburg / Saar, psychoanalytische Ausbildung am Freud-Institut Zürich und Habilitation am Universitätsspital Zürich. 2011 – 2020 Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Bad Segeberg, seit 2014 APL-Professur an der Universität zu Lübeck. Mitbegründer des Instituts für Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften (IPPK) und Mitherausgeber der Zeitschrift „Y – Zeitschrift für Atopisches Denken“. Zahlreiche Publikationen zur psychoanalytischen Psychosomatik. 

(Foto: Privatbesitz)

18. 10. 2021

19:30 – 21:00, online

Birgit Meyer zum Wischen, Hamburg/Sylt

Warum Laienanalyse?

Der Ort der Analytikerin anhand der Lacanschen Diskursmatheme

Die psychoanalytische Ausbildung in Deutschland ist für Ärzte und Psychologen heute im Wesentlichen an einem medizinischen Modell orientiert, sie richtet sich an der Behandlung von Krankheiten aus. Freud hat vor dieser Entwicklung in seiner Schrift zur Laienanalyse gewarnt, weil durch sie das Besondere psychoanalytischer Forschung und Kur verloren geht. Die Laienanalyse ermöglicht, eine andere Position zur Bildung des Analytikers einzunehmen, als eine medizinische oder psychologische Ausrichtung. Sie regt an, das Objekt der Psychoanalyse genauer zu bestimmen.

Der Vortrag macht Jean Clavreuls Weiterentwicklung der Lacanschen Diskursmatheme für diese Fragen fruchtbar, indem er ausarbeitet, was den medizinischen Diskurs ausmacht, der als Kehrseite des analytischen Diskurses erscheint. Könnten psychoanalytische Institutionen eine Kritik des heute herrschenden Diskurses riskieren, um die Ausbildung wieder als eine psychoanalytische erkennbar werden zu lassen? Darüber können wir nach dem Vortrag diskutieren....

Birgit Meyer zum Wischen Sepia2Birgit Meyer zum Wischen, Dr. phil., psa. Praxis in Hamburg und auf Sylt, Studium von Kulturwissenschaft, Philosophie und Sprachwissenschaft in Bonn, Düsseldorf und Berlin, Psychoanalytische Ausbildung in Berlin, Paris und Köln, Mitgründerin der PsyBi Berlin, Ehemalige Salonière des Psychoanalytischen Salons Berlin, Mitherausgeberin von Y.

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20. 9. 2021

19:30 – 21:00, online

Ludwig Janus, Heidelberg

Die Psychodynamik des vorsprachlichen Erlebens in der individuellen und kollektiven Geschichte

Das vorsprachliche Erleben wurde in der Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie in seiner Eigenbedeutung unterschätzt. Es schien als unbewusst und der frühkindlichen Amnesie verfallen und die Zeit vor der Geburt wurde wesentlich als biologisch geprägt angesehen.

Im Rahmen der „Pränatalen Psychologie“ wurde jedoch die Erlebnisbedeutung vorgeburtlicher, geburtlicher und nachgeburtlicher Erfahrungen in ihrem eigenen Charakter als ein empfindungsnahes traumartiges  Erleben erfasst und erforscht und im Rahmen der „Psychohistorie“ wurde die kollektivpsychologische Bedeutung dieses Erlebens für das gesellschaftliche Leben und die kulturellen Gestaltungen erfasst und erforscht, sodass heute ein Überblick über dieses neue Wissen für das Verständnis der individuellen Entwicklung und des gesellschaftlichen Geschehens und der kulturellen Gestaltungen gegeben werden kann.

Ludwig Janus SepiaLudwig Janus, Jg. 1939, Dr. med., Facharzt für Psychotherapie  in eigener Praxis in Dossenheim bei Heidelberg; Psychohistoriker, Pränatalpsychologe und Ausbilder in der Förderung der vorgeburtlichen Mutter-Kind-Beziehung: www.Ludwig-Janus.de. Leiter des Instituts für Pränatale Psychologie und Medizin, www.praenatalpsychologie; www.geburtserfahrung.de. Korrespondenzadresse: Dr. med. Ludwig Janus, Jahnstr. 46, 69221 Dossenheim; Tel. 06221 801650; Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

(Foto: Privatbesitz)

30. 8. 2021

19:30 – 21:00, online

Martin Weimer, Kiel

"Die talmudische Denkweise kann ja nicht plötzlich aus uns verschwunden sein"

 Ich schlage eine gruppenanalytische Re-Lektüre der Todestrieb-Hypothese Freuds vor. Ich halte den Antisemitismus für die bedeutendste soziale Repräsentanz dieses Triebes. Daran gemessen fällt das symptomatische Schweigen der Gründer der beiden bedeutendsten gruppenanalytischen Schulen über den Antisemitismus auf. In seinen christlichen Identifizierungen gehörte Bion gewiss zum britischen Establishment, der assimilierte Jude S. H. Foulkes dagegen zu den britischen Außenseitern, was ich an einer beispielhaften Szene zwischen beiden Protagonisten zeigen will. 

Die von S. H. Foulkes begründete gruppenanalytische Schule hat dagegen ihre Ursprünge im vorfaschistischen Frankfurter Institut für Sozialforschung. Sie hat bis hinein in die Methodiken der Gruppenexperimente Adornos und anderer zu den faschistischen Identifizierungen dort weiter gewirkt. Ich will abschließend zeigen, dass das von Foulkes geschaffene gruppenanalytische Setting, anders als das von Bion begründete, als eine post-religiöse Realisierung der rabbinisch-jüdischen Tradition gesehen werden kann und daher dafür einsteht, dass Auschwitz nicht das letzte Wort hatte.

Martin Weimer Sepia

Martin Weimer, Theologe, Pastoralpsychologe (DGfP), Gruppenanalytiker (D3G). Langjähriger Leiter des Ev. Beratungszentrums und der Telefonseelsorge Kiel, zahlreiche Publikationen zu pastoralpsychologischen und gruppenanalytischen Themen. http://weimer-gruppenanalytische-praxis.de 

(Foto: Privatbesitz) 

5. 7. 2021

19:30 – 21:00 Uhr, online

Insa Härtel, Berlin

Reibend und/oder reizend: Wie ist das »Zwischen« von Psychoanalyse und Kultur bzw. deren Wissenschaften beschaffen?

In diesem Vortrag möchte ich einen von mir herausgegebenen Band zum möglichen Zusammenspiel der Herangehensweisen vorstellen und den »Übergriff« beleuchten, der sich mit fächerübergreifenden Forschungen dieser Art verbindet. Bei dem Band handelt es sich um: Reibung und Reizung. Psychoanalyse, Kultur und deren Wissenschaft. Textem Verlag, Hamburg 2021.

Insa Härtel SepiaInsa Härtel, Dr. phil. habil., Professorin für Kulturwissenschaft an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU); Schwerpunkte: Psychoanalytische Kunst- und Kulturtheorie, Sexualitäts- und Geschlechterforschung. https://www.ipu-berlin.de/professoren/haertel-insa/

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21. 6. 2021

19:30 – 21:00, online

Marie von Heyl, Berlin

Das ist es!  — Das ist es nicht! 

Über das Künstler-Begehren bei Jacques Lacan und Roland Barthes 

In seinem 19. Seminar … Ou Pire / … Oder Schlimmer formuliert Jacques Lacan eine Anti-Wittgenstein’sche These: es sei zwar korrekt, dass die Sprache nicht alles sagen könne, was uns jedoch nicht davon abhalte, ununterbrochen zu sprechen. Das Unaussprechliche, so Lacan, hat nicht alleine im Mystischen seinen Ort, sondern es zeigt sich mitten in der Sprache, nämlich dort wo sie scheitert, sich verhakt, sich widerspricht. Das stets sein Ziel verfehlende Begehren sei nur auf der Ebene des Anspruchs zu fassen, nämlich dort, wo dieser dem Begehren nicht genügt. Unter den wechselnden Ansprüchen verberge sich die immer gleiche Aussage: “Das ist es nicht”.

Roland Barthes wiederum spricht von Momenten der Erhellung, in denen das Subjekt ein bestimmtes Detail eines Gegenstandes als ein Objekt des Begehrens “wiedererkennt,” was es mit dem affektiven Ausruf “Das ist es!” kundtut. In seiner Vorlesungsreihe Das Neutrum bringt er diese Äußerung mit dem Gefühl der Eingebung in Verbindung: das Denken bricht aus der kausalen Kette aus und springt ins Unbekannte.
Beide Ausrufe, “Das ist es!” (Barthes) und “Das ist es nicht!” (Lacan) beziehen sich auf ein verlorenes oder nie da gewesenes Objekt, das entweder stets verfehlt oder erst in seiner Fremdheit (wieder)erkannt wird. Welche Positionierungen zum Begehren, insbesondere zum Künstler-Begehren, lassen sich in der Gegenüberstellung beider Autoren ablesen? Im Vortrag wird die These formuliert, dass sowohl der Einfall als Wiederkennen des Unbekannten (Das ist es!) als auch das stete Verfehlen des verlorenen Objekts (Das ist es nicht!) die produktive Unruhe des Schaffens antreiben.

Marie von Heyl SepiaMarie von Heyl ist freischaffende Künstlerin und Autorin. Studium der Kunst und Philosophie in Stuttgart, Berlin und London. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Subjekt-Objekt-Relationen und den produktiven Unzulänglichkeiten von Sprache. Seit Anfang 2020 publiziert sie den Podcast „Eclectic Engineering“ mit Gesprächen zu Kunst, Philosophie, Feminismus und Psychoanalyse. 

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17. 5. 2021

19:30 – 21:00, online

Melanie Reichert, Kiel

Jouissance – Resonanzen zwischen Barthes und Kristeva

Für das Denken Roland Barthes wird in den Siebzigerjahren der Topos der Jouissance bedeutsam, der ausgehend von Jacques Lacan durch Julia Kristeva einige Bedeutungsverschiebungen erfahren hat. Der Vortrag öffnet ausgehend davon einen Resonanzraum zwischen Kristeva und Barthes. Anschließend wird die philosophische Systematik einer Erotisierung der Kulturkritik beleuchtet, die Barthes mithilfe des Topos der Jouissance in seinen späten Texten vornimmt.

Melanie ReichertMelanie Reichert, Dr. phil., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Kiel und Lehrbeauftragte an der Muthesius Kunsthochschule. 2019 wurde sie mit einer Arbeit über Bertolt Brecht, Antonin Artaud und Roland Barthes promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kulturphilosophie, Systematik der Kulturkritik sowie Ästhetik und Epistemologie. Momentan arbeitet sie an einem neuen Buchprojekt über Lachen, Gewalt und Spiel. Sie ist Mitbegründerin des Instituts für Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften (IPPK).

(Foto: Privatbesitz)

19. 4. 2021

19:30 – 21:00, online

Michael Meyer zum Wischen, Sylt/Hamburg

Die A(a)-topie des Subjekts bei Lacan als Orientierung der psychoanalytischen Klinik 

Lacan hat sich auf den Satz Rimbauds: "Ich ist ein Anderer" bezogen, um die fundamentale Dezentrierung des Subjekts zu unterstreichen, das sich stets an einem anderen Ort findet als an dem, an dem es sich zu befinden glaubt.

Diese Dezentrierung und Exzentrizität, seine grundlegende Exterritorialität, findet sich zum Beispiel in der Spaltung des Subjekts zwischen begehrendem Ich und narzisstisch-imaginären Selbstbild. In der heutigen Klinik ist die Infragestellung der vom Analysanten behaupteten und verteidigten Selbstverortung ein wichtiger Schritt. Seine Verankerung im Diskurs des Anderen spielt eine entscheidende Rolle, wozu das von Genevieve Morel untersuchte "Gesetz der Mutter" gehört. Darüber hinaus ist das Subjekt aber auch vom Objekt a dezentriert, das ihn als immer schon verlorener Rest aus der Ferne heimsucht und zugleich bestimmt. Beide Aspekte - die Entortung durch den großen Anderen und das Objekt a - sind auch für die klinische Praxis äußert hilfreich, da sie ermöglichen, einen Platz des Subjekts in der Kur zu erfinden, der als Sammlungspunkt seiner basalen topischen Zerrissenheit dienen kann. 

Michael Meyer zum Wischen SepiaMichael Meyer zum Wischen, Dr. med., Studium der Humanmedizin und Promotion zur Psychiatriegeschichte in Gießen.  Psychoanalytische Ausbildung in Göttingen und Köln, gruppenanalytische Ausbildung in Tiefenbrunn und Köln.  Ab 1998 tätig in psychoanalytische Praxen in Köln, Berlin und in Westerland auf Sylt. 2004 bis 2013 psychoanalytischer Bildungsgang in Paris, 2004 Mitgründung des Psychoanalytischen Kollegs, 2011 Gründung der Kölner Akademie für Psychoanalyse Jacques Lacan, 2012 Gründung der Zeitschrift Y. Veröffentlichungen besonders zu Fragen der Psychose und Borderline-Störungen, sowie zu Marguerite Duras und Hilda Doolittle. 

(Foto: Privatbesitz)

29. 3. 2021

19:30 – 21:00, online

Hilmar Schmiedl-Neuburg, Boston/Kiel

Inauguralvortrag der IPPK-Vortragsreihe:

Die Atopik des Sokrates

Sokrates, der der Philosophie ihren Namen gab und mit seinem Wirken als zentrale Gründungsfigur der Philosophie gilt, erscheint durch seine eingehende Darstellung in den platonischen Dialogen wohlvertraut. Und doch entzieht sich die Figur des Sokrates dem verortenden, einordnenden, begreifenden, verstehenden Zugriff, erscheint als ortlos, ungreifbar, verkehrt, seltsam, atopisch. Dieser Atopik des Sokrates in ihrer Bedeutung für die Philosophie nachzugehen, ist das Anliegen dieses Vortrags.

Hilmar Schmidl NeuburgHilmar Schmiedl-Neuburg, PD Dr. phil., ist einer der beiden Direktoren des Instituts für Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften. Er lehrt als Privatdozent am Philosophischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und am Department of Philosophy der University of Massachusetts Boston, sowie als Dozent am John-Rittmeister-Institut für Psychoanalyse, Kiel. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Vertretungsprofessuren, Gastdozenturen und Fellowships in Kiel, Hamburg, Wien, Prag und Harvard. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen in der Deutschen und Französischen Theoretischen Philosophie des 19.-20. Jh., der Kulturphilosophie und Existenzphilosophie, der Antiken und der Asiatischen Philosophie, sowie auf dem Verhältnis von Philosophie und Psychoanalyse.

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